Nette. Sie selbst nennen es abhängen, ältere Menschen eher "herumlungern". Immer mehr Netter Jugendliche verbringen ihre Freizeit auf der Straße - vor allem rund ums Schulzentrum Dörwerstraße.

Eine Expertenrunde auf Einladung der SPD beschäftigte sich Dienstagabend in der Jugendfreizeitstätte Nette mit diesem "Problem". "Dabei müssen wir allerdings erstmal klarstellen, ob das überhaupt ein Problem ist", eröffnete "Talkmaster" Thomas Tölch, stellvertretender Vorsitzender der Stadtteilgenossen, die Diskussion.

Clemens Marieschen, Leiter der Polizeiwache Mengede, sieht das nämlich gänzlich anders: "Unsere Statistiken zeigen das für Nette nicht. Wir hatten im letzten Jahr nur 13 Anzeigen gegen Jugendliche." Das bewege sich im erträglichen Rahmen. "Vor allem, weil es dabei nur um Sachbeschädigung oder kleine Schubsereien ging."

Die öffentliche Wahrnehmung sei allerdings eine andere, betonte Tölch. "Die werden gerade von älteren Mitbürgern als Störenfriede wahrgenommen, die nur auf der Straße herumlungern, Alkohol trinken und laut grölen." Man habe das warnende Beispiel Nordstadt schließlich direkt vor Augen. "Dort passiert jedes Wochenende etwas, gerade auch durch Jugendliche, die auf der Straße rumhängen."

Sonja Carstens, Fachreferentin für Kinder- und Jugendarbeit im Stadtbezirk, empfahl einen Perspektivenwechsel. "Man muss sich klar werden, dass öffentliche Plätze niemandem alleine gehören. Die gehören der Gesellschaft." Daher müsse man gerade bei der Stadtplanung darauf achten, Freiflächen für Kinder und Jugendliche zu berücksichtigen. "In Nette zum Beispiel gibt's doch nirgends mehr Wald oder Wiese. Da müssen die Kids ja auf Schulhöfe oder Parkplätze ausweichen."

Stefan Wossmann vom "Respekt Büro", das Initiativen gegen Rechtsradikale organisiert, stimmte zu. "Man kann diese Flächen nämlich nicht einfach nach außen verlagern. Jugendliche halten sich dort auf, wo sie gesehen werden, also im Zentrum."

In diese Richtung ziele auch das Angebot der Jugendfreizeitstätte, sagte deren Leiter Robert Austmann. "Wir machen sehr niederschwellige Angebote, die Jugendlichen können bei uns also erstmal machen, was sie wollen. Erst wenn Vertrauen aufgebaut ist, bieten wir uns beratend an." Gerade die in Nette sehr verbreiteten Kinder aus Spätaussiedlerfamilien, speziell Russlanddeutsche, hätten eine "angeborene Aversion gegen jede Obrigkeit", so Austmann. "Die kennen doch aus ihrer Heimat doch nur Korruption und Unterdrückung. Wenn da einer kommt und Ratschläge erteilt, machen die sofort zu."

Viele Netter Jugendliche wüssten "einfach nichts mehr mit sich anzufangen", betonte auch SPD-Vorsitzender Klaus Schlichting. "Denen wieder eine Perspektive zu bieten, muss Aufgabe der Politik sein." Dazu müsse man aber auch von Jugendlichen verlangen dürfen, dass diese ihre Interessen äußerten. Hier hakt JFS-Leiter Austmann ein: "Das haben die aber nie gelernt. Weil man sie zu selten fragt."